Die zwei Leben der Mühle: Die Pappenfabrik

1874 nahm auf dem Gelände der ehemaligen Einbrunger Wassermühle die Preßspan- und Pappenfabrik „Stöcker und Kuhlen“ den Betrieb auf. Damals begrüßten zahlreiche Ortsbewohner die Ansiedlung, da mit ihr neue Verdienstmöglichkeiten geschaffen waren, wiewohl es auch damals schon kritischen Stimmen gab, die von einer „Verschandelung der Gegend durch das Fabrikgebäude mit dem eckigrunden Schornstein“ sprachen.
Baulich so umfangreich und erfolgreich wie es die obige Darstellung einer Werbepostkarte suggeriert, war die Wirklichkeit allerdings nicht. Von den Einheimischen kurz „Papiermühle“ oder nach dem Teilhaber Kuhlen „de Kuhle Möhl“ genannt, geriet das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten, trotz Grundstücksverkäufe an die „Düsselthaler Anstalten“ und an Haniel. Im Jahre 1907 gingen im Rahmen eines ersten Notverkaufs das Wohnhaus nebst Fabrikgebäude mit Kessel- und Maschinenhaus, Trockenhaus, Lagerhaus, Packraum, Schmiede und Stallung, rund 12.000 Quadratmeter Grundstücke sowie 4200 Kubikmeter „Wasser“ (Mühlenteich u.a.) zum Kaufpreis von 184.000 Reichsmark (Schulden in Höhe von 95.000 Reichsmark) in neue Hände über. Auch die neuen Eigentümer vermochten die Preßspan- und Pappenfabrik nicht zu sanieren. Sie ging im Jahre 1911 in Konkurs.

1913 wurde Johann Weyer Betriebsleiter einer Übergangsgesellschaft unter Federführung des „Kaiserswerther Spar- und Darlehenskassenvereins“. Er war endlich der nötige Fachmann, ausgebildet von „Zanders“ in Bergisch-Gladbach. Ab 1915 übernahm er die Geschäftsführung, 1921 wurde er Alleineigentümer der inzwischen erfolgreichen „Kaiserswerther Preßspan- und Pappenfabrik GmbH“. Nun waren durchschnittlich 30 bis 35 Arbeitskräfte in zwei Schichten, jeweils von 7 bis 19 Uhr und von 19 bis 7 Uhr morgens, beschäftigt. Dieser nun schon Klein-Industriebetrieb und größter Steuerzahler der Gemeinde produzierte zehn verschiedene Pappen in unterschiedlichen Farben und als Innovation der damaligen Zeit, den Preßspan. Verkauft wurde an die Seidenindustrie in Krefeld, an Bürobedarfhersteller und die Elektro- sowie chemische Industrie wie z.B. die Sidol-Werke in Köln-Braunsfeld. Geliefert wurde per Pferdefuhrwerk zum Kalkumer Bahnhof.

Fabrikdirektor Johann Weyer

 

Gemeinschaftliches Plätten

 

Der Produktionsablauf begann auf der ersten Etage des Fabrikgebäudes. Hier wurde im Kollergang mit zwei Mühlsteinen Holzschliff, Zellstoff und Altpapier zerkleinert. Durch eine Schütte wurde der Faserbrei den „Holländern“ zugeführt (eine tatsächlich holländische Erfindung aus dem späten 17. Jhd. ein Mahlwerk mit rotierenden Messern). Diese bereiten der Faserbrei für die Papiermaschine auf. Hier wurden auch die Farben zugesetzt: braun, grün oder blau. Entsprechend der Tagesproduktion färbte sich der Schwarzbach. Die Weiterverarbeitung erfolgte in der Filzanlage, der Pappenmaschine. Auf einer mit Dampf angetriebenen Presse wurde dann das Wasser aus der Pappe herausgedrückt, die anschließend in den Trockenapparat gehängt wurde. Bei schönem Wetter ließ man auch die Pappe im Freien trocknen. Es folgte das Walzen und der Zuschnitt. Vier Glättmaschinen sorgten abschließend für den Hochglanz. An diesen Glättwerken arbeiteten Frauen, die einzigen im ganzen Betrieb.

Tony Weyer am „Holländer“

 

Für den Antrieb der zahlreichen Maschinen sorgte eine große Dampfmaschine von 1865, später ergänzt durch einen Dieselmotor. Das Unternehmen war von der öffentlichen Stromversorgung weitgehend unabhängig. Hauptsächlich mit Hilfe der Wasserkraft des Schwarzbaches wurde Elektrizität für die Produktion und die zur Fabrik gehörenden Haushalte erzeugt.

Die Weltwirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre erfaßte auch die Preßspan- und Pappenfabrik. Zu Beginn des Dritten Reiches wurde Weyer, damals Mitglied der Zentrumspartei, von Ortsvorsteher Uttke abgelöst. Im Jahre 1934 wurden Zwangsversteigerungsmaßnahmen eingeleitet. Johann Weyer erlebte die Versteigerung seines Lebenswerks nicht mehr. Er starb im Dezember 1934. Der Verbandsrevisor Dr. Josef Maassen führte die Firma ohne rechtliche Grundlage weiter. Am 19. Juni 1936 wurde die GmbH nach 62jährigem Bestehen aus dem Handelsregister gelöscht. Damit war das Kapitel Industriegeschichte in Einbrungen beendet.

Die Gegenwart: Am 10.12.1992 wurde das Objekt in die Denkmalliste eingetragen. Dabei war allein die wirtschaftsgeschichtliche Relevanz des Ortes von Bedeutung. Alte Bauakten existieren nicht. Die Denkmalbehörden datieren den Sockel des Hauptgebäudes auf das späte 18. Jahrhundert, die anderen Trakte nach 1850. Schon von weitem markant ist der konisch zulaufende Kamin des Hauptgebäudes. Er ragt über einem quadratischen Grundriß empor, was als altertümlich gilt; seit Ende des 19. Jahrhunderts wurden üblicherweise runde Formsteine benutzt. Das am Wasser liegende an das Hauptgebäude angebaute Haus was der Wohntrakt der Arbeiter und Fuhrleute. Bachaufwärts liegt die „Remise“, einst Pferdestall, Wagenunterstellplatz und Schmiede. Die zweigeschossige „Villa“ mit ihrem ausgebauten Dach ist das repräsentativste Gebäude der Anlage, sie war Wohnhaus für die Mühlenbesitzer. Der Trakt zwischen Villa und Mühle ist einen Vorgängerbau des Wohn- und Verwaltungsgebäudes.

Heute ist von der historisch-industriellen Einrichtung der Papiermühle nichts mehr erhalten. Die Wohnungen werden rein privat genutzt.

Obiger Text ist ein Auszug aus dem Buch Helga Meister, Die Künstler der Einbrunger Mühle, erschienen im Beton Verlag, 1995.
Dank an Helga Meister und Bruno Bauer für die freundliche Genehmigung.