Künstlerleben ”fernab“ der Stadt

Als erste kamen Hermann und Rotraut Raddatz, ihr Mietvertrag vom 1. Oktober 1949 wurde mit dem damaligen Besitzer Heinrich Pudenz geschlossen. Raddatz, einstmals in Dresden gefeiert, fing hier mit geschenkten Farben auf Zuckersäcken des befreundeten Bäckers und Sammlers Arnold Ohlenforst neu an.

Der Architekt Bernhard Pfau besaß am Mühlenkamp ein Haus und gab Trude Esser den Hinweis auf Wohnmöglichkeiten in der Mühle. Pfau warnte sie zugleich, sie erwartete etwas „Gräßliches“. Die Nässe dränge vom Erdreich und durchs Pappdach ein. Nichts sei isoliert. Der Wind pfiff durch breite Risse... Das Reparieren und Sanieren nahm viel Zeit in Anspruch. Die ersten Fassadenreparaturen begannen von der Leiter aus. Selbst 1964, als Bernd und Hilla Becher in den Gebäudetrakt direkt am Schwarzbach einzogen, gab es dort einen offenen Blick hinauf unters Dach mit etwas Stroh zwischen Latten und Dachpfannen. Und einen Bretterverschlag mit Munitionskiste als Toilette. Im Laufe von über 40 Jahren ließen sich Bildhauer, Designer, Werbeleute, Textilkünstler und Fotografen hier nieder. Sie brachten irgendwo ausgebaute Fenster, mauerten Zwischenwände, dichteten Dächer ab - je nach ihren finanziellen Möglichkeiten. Sie verwandelten die Mühle in Ateliers und Wohnungen.

1956 kam Werner Butter (Journalist und Texter) an den Mühlenkamp ins „Becher-Haus“. Butter war damals Rechnungsrevisor bei Mannesmann, schrieb Lyrik und veröffentlichte seine Texte in der (linken) „Deutschen Volkszeitung“.

Hannes Esser 1969, © Bernd Jansen (ebenso oben)

 

Günther Uecker kam 1957. Hannes Esser nahm sich im selben Jahr die Remise vor und baute sie zusammen mit Eddie Harlis aus. Esser organisierte leidenschaftlich gern und hielt über 35 Jahre hinweg den Kontakt zu den Kaiserswerthern und den Bürgern aus Wittlaer und Einbrungen. Esser nahm die Schlüsselstellung im gesellschaftlichen Leben der Mühle ein, organisierte Feste und Ausstellungen. Auf dem Heuboden der Remise konnten 20 bis 30 Personen schlafen. Gelegentlich dauerte das Feiern auch mal mehrere Tage. Einen wichtigen Beitrag hierzu leisteten die Musiker Horst Geldmacher, Eckhard Kohlhöfer, Lüder Ohlwein und Klaus Doldinger.

Beim Abriss

 

beim Wiederaufbau: Baumeister Günter Lother, © Ulla Lother

 

Duch Mundpropaganda wurden immer mehr Künstler an den Schwarzbach gezogen. Hannes Esser, Kurt Sandweg, Günther Uecker, German Becerra, Rudi Heekers und, für die Mühle besonders wichtig, Günter Lother. Lother hatte Eisenhüttenkunde und Architektur studiert und wurde soetwas wie der erste Baumeister am Ort. Er begann Ende der 50er Jahre mit dem Ausbau seiner eigenen Wohnung am Talweg 13 und beherberte viele neu Ankommende währenddessen er ihre Wohnungen renovierte. Auf einem Foto ist zu sehen wie er einen einsturzgefährdeten Schornstein abträgt.

Rudi Heekers, der 1959 kam, war der Kommunikator der Mühle, oft „im Mittelpunkt stehend, lustig und mit großer Klappe“. Begehrt bei den Kaiserswerthern waren seine prächtigen Bodenvasen aus Keramik und seine großen, abstrakten Tonskulpturen, von denen eine seit 1980 in der Kaiserpfalz in Kaiserswerth zu sehen ist.

Hannes Esser und Bernd Jansen, © Bernd Jansen

 

Bernd Jansen lebt seit der Jahreswende 1975/76 am Talweg. Er zog in die Räume von Horst Lerche ein, der seit 1961 hier wohnte. Inzwischen war neuer Reparaturbedarf entstanden. Wieder half Günter Lother. Sie legten neue Wasser- und Elektroleitungen, verbreiterten Türen und vor allem sanierten sie den gesamten Dachstuhl des Haupthauses über dem hinzu gemieteten Dachboden. Jansen ist Bildhauer und Fotograf und beschäftigt sich mit den Überschneidungen zwischen beidem und hat die düsseldorfer Künstlerszene, in sehr persönlich gefärbten Inszenierungen portraitiert und sie so seinem künstlerischen Projekt hinzugefügt.


Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Helga Meister, Die Künstler der Einbrunger Mühle, erschienen im Beton Verlag, 1995.
Dank an Helga Meister, Bruno Bauer und Bernd Jansen für die freundliche Genehmigung.