Norika Nienstedt: Head in the Clouds

28. Mai bis 28. Juni 2014
Eröffnung: Samstag, 24. Mai 2014, 16 Uhr

 

Die Haube der Herzogin, 2013, 31,9 x 24 cm

 
 

Zur Eröffnung am 24.5.2014

Eigentlich sprechen die Arbeiten Norika Nienstedts beredt für sich. Jede weitere, darüber gelegte Text, lenkt also nur vom eigentlichen Inhalt ab. Wenn ich hier und heute trotzdem kurz zu diesen Arbeiten spreche, dann soll es hierbei vor allem um den Versuch gehen, einige der vielen verschiedenen, womöglich einander widersprechenden Eindrücke zu ordnen, die Norika Nienstedts Arbeiten beim Betrachter auslösen mögen.


Auf den ersten Blick wirken ihre Arbeiten nett-pittoresk, auf den zweiten jedoch erweisen sie sich weitaus stärker von fantastischer Literatur und Filmen sowie von abgründigen Traumbildern inspiriert. Vor allem anhand ihrer Collagen wird deutlich, auf welche Weise Norika nach der Überraschung und der Irritation sucht, um das ohnehin niemals „Vertraute“ in Frage zu stellen, zu verstören. Ihre Arbeiten scheinen also eher undeutliche, ja verborgene Erinnerungen zu wecken und festzuhalten und haben dabei die beunruhigende Wirkung doppelbödiger Träume.

Vor allem in ihren Collagen, Tuschbildern und Zeichnungen erschafft Sie rätselhafte und hybride Figuren, besser sollte man von „Wesen“ sprechen, die sich alle in Situationen dargestellt finden, die sowohl rauschhaften Träumen und Visionen als auch Romanen, beispielsweise von Haruki Murakami oder William S. Burroughs, entstammen mögen. Ihre Collagetechnik kann zudem als eine bildkünstlerische Entsprechung zu der Cut-up-Methode von Burroughs angesehen werden, der zusammenhängende Texte auseinander geschnitten und neu angeordnet hat.

Lässt man sich auf Norika Nienstedts Werke weiter ein, so eröffnet sich eine Welt jenseits derer, die wir gemeinhin als Realität akzeptieren: Die von ihr geschaffenen Gestalten und Geschöpfe fordern ein assoziatives Eingehen auf ein Gemenge an Hinweisen, Begriffsverschiebungen, Andeutungen und Uneindeutigkeiten geradezu ein. Glückt dies, dann stößt man, vergleichbar mit „Alice hinter den Spiegeln“, vor in eine abgründig-traumhafte Welt, man begibt sich auf eine Traumreise ins Innere, in die eigenen Träume, Wünsche und Ängste. Damit ähnelt Norika Nienstedt in gewisser Weise Lewis Carroll, dem Erfinder von Alice im Wunderland: Als Caroll mit der realen Alice einmal auf der Themse ruderte, nötigte ihn diese, eine Geschichte zu erzählen, die ebenso lang wie die Bootsfahrt dauern sollte. Damit begann Alices zweites Leben in einer Kaninchenhöhle, in der sie sich einer absurden Welt erwehren muss, die zwar ähnlich der unsrigen zu sein scheint, jedoch völlig anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Und mit ihr beginnt die Reise in die Unerklärlichkeit der modernen Welt. Ähnlich „Alice im Wunderland“ oder auch „Little Nemo“ zieht Norika Nienstedt uns in eine Welt „hinter den Spiegeln“. Auch das mag als ein Reflex auf die Wirklichkeit des 21. Jahrhundert verstanden werden, in der Altvertrautes uns allzu oft entstellt und verzerrt erscheint.

Norikas Arbeiten mögen damit auch als ein Beitrag zu einer künstlerischen Revision der gesellschaftlichen Entwicklung in unserer Gegenwart verstanden werden: Wir leben ja längst in einer völlig „entzauberten“ und ihrer Geheimnisse beraubten Welt. Und hier ist - so Sigmund Freud - Kultur der einzige Bereich in der modernen Gesellschaft, in der die Animation der Dinge ihre Legitimation erhält.
So mögen Norika Nienstedts Darstellungen - im Sinne Freuds - auf die Abrüstung eines elitären Kunstbegriffs zielen, und stellen darüber hinaus womöglich einen der wenigen erfolgversprechenden Versuche in der Kunst dar, mittels dieser eine Verbindung, wenn nicht gar Versöhnung, dieser gar nicht so weit voneinander existierenden Welten und Realitäten zu ermöglichen.

Und während Alice irgendwann den Weg aus dem Kaninchenloch zurück an das Tageslicht findet bzw. Nemo am Ende jeder Geschichte aus dem Bett fällt und damit in die Wirklichkeit zurückkehrt, bleiben in den Werken Norikas derartige Auswege völlig offen.

Dirk Steimann
Kulturforum Witten

 
 

Norika Nienstedt

wurde 1952 in Güdingen an der Saar geboren, studierte Freie Malerei an der Hochschule für Bildende Kunst/Städelschule in Frankfurt am Main und lebt seit 1982 in Düsseldorf.
Neben Zeichnungen und Illustrationen für verschiedene Magazine sowie regelmäßigen Ausstellungen eigener Malereien und Installationen wurde sie in den 1970er Jahren durch eine umfangreiche Serie von Künstlerpuppen bekannt.
Seit 1998 schuf sie, gemeinsam mit Michael Jonas, eine Serie von Experimentalfilmen und betrieb 2003 bis 2005 den Ausstellungsraum „minus“ in Düsseldorf.

Ausstellungen, Auswahl

2012    Handreichungen, Kunsthaus Rhenania Köln
2011    das widerspenstige Fleisch, Märkisches Museum Witten
2011    Tierisch Menschlich, Kulturforum Alte Post Neuss
2011    Norika Nienstedt: seven sisters of sleep II, Märkisches Museum Witten
2010    das widerspenstige Fleisch, Galerie Peter Tedden, Düsseldorf
2007    Alles geht - nur der Frosch hüpft, Galerie Claudia Simon, Düsseldorf
2006    Das Jüngste Gerücht, Salon KDF, Berlin
2005    Norika Nienstedt. the seven sisters of sleep, Galerie Cl. Simon, Düsseldorf
2004    open house - wg/3zi/k/bar 2004, WG im Malkasten, Düsseldorf
2003    Trendwände 2003 Kunstraum Düsseldorf