Thomas Brandt, Schöne Aussichten: 2. Juli–17. September 2011

Für Thomas Brandt, am 2.7.2011

Viel zu viele Filmplotts beginnen mit Idealbildern von Ordnung und Selbstbezogenheit. David Lynch hat es zur Groteske weitergetrieben; mit selbstgewiss strahlenden Feuerwehrmännern, die durch die idyllische Heimatgemeinde paradieren. Weiter gehts dann immer so; das Unbekannte sickert durch die Spalten der Zivilisation, das Grauen dringt aus der Tiefe und am Ende bleibt nichts mehr vertrauenswürdig wie am paradiesischen Anfang. Was lernen wir da? Nichts anderes lernen wir seit unser aller paradiesischem Anfang: es ist die Feindseligkeit dessen, was sich auf der anderen Seite befindet, im unversöhnlichen ­Widerspruch zu unserer kulturellen Ordnung.

In Thomas Brandts Bildern begegnen uns viele Indizien einer anderen Seite, aber ohne das gewohnt dramatische Potential. Die Protagonisten scheinen von einer zweiten Sphäre begleitet, sich begleiten oder sogar leiten zu lassen? Auffällig ist dabei die Tier- aber auch die Planzenwelt. Es erscheinen drei Hunde neben drei Akteuren. Dabei sind sie nicht unbedingt zugeordnet, nicht einmal ein Blickkontakt gibt einen Hinweis auf die landläufige Mensch-Tier-Beziehung. Sie bewegen sich unabhängig, obgleich parallel und sind schon gar nicht gehorsamspflichtig. Sie begleiten noch denjenigen im abfahrenden Zug, aber ohne Moment des Aufruhrs einer mutmaßlichen Trennung. Jener trabend, dieser mit verschränkten Armen, die Blicke parallel in Reiserichtung ... Die Tiere treten also nicht in ihrer Rolle als Gefährte, als Bestandteil der menschlicher Kultur an.

Es ist aber ohne Zweifel kein folgenloses Nebeneinander. Die Geschehnisse, die die Bilder oft nur anreißen, sind vielmehr ausgelöst durch den Kontakt des Menschen mit der anderen Sphäre, repräsentiert durch die Natur in allen Erscheinungsformen. Der Schwimmer im Schilf, umgeben von Moder und Treibgut, der strauchelnde Verfolger eines Hasen, der den Halt verliert, da er nicht aufs Terrain achtet. Der Erwachsene, der noch einmal in einen Baum klettert. Ähnliches in noch viel kleineren Situationen: mineralisch getrübtes Wasser, das eine Gruppe Badender zum Spiel mit seinen nun optisch isolierten Körperteilen herausfordert. Oder eine Kugel die inmitten Wartender, Erstarrter an die Möglichkeit des Wegrollens in jede erdenkliche Richtung erinnert. Beim Reisenden: Wem sind nach der Ausfahrt seines ­Zuges nicht schon Gedankenströme unkontrollierbarer Richtung gekommen?
Die Natur fungiert offenbar als Movens, die Tiere als Chiffre für die nicht verstandbegabte aber sehr belebte Natur. Die Begegnung ermöglicht einen Moment des Heraustretens aus Mustern, um sich Wiederzufinden in vermutet Unvertrautem.

Angesichts der ungeliebten Stoffmenge, die wir während der Erziehung zum zivilisierten Menschen zu verdauen haben, ist es wohl die Andersartigkeit der Naturmomente, welche uns diese langfristig in Erinnerung behalten lässt. Die Bedeutsamkeit des Vergangenen entwickelt sich im Erinnern und damit auch die Notwendigkeit dieses zu Bildern werden zu lassen. Thomas Brandt weiß um den Wert dieser kleinen indi­viduellen Mythen und erschließt und formt sie in seinem künstlerische Sinne. Seine Formung aber verall­gemeinert sie, enthebt sie aller Zeitbezüge, löst sie von ihren historischen Folgen und Konsequenzen und schließt sie so für uns alle auf.

Für eine profunde Darstellung möchte ich Sie auf den Artikel von Anette Kruszynski (K20, Kunstsammlung NRW) im Katalog zu diesen Hinterglasmalereien verweisen. 

Viel Freude an seinen Arbeiten.